Wohnungswechsel: Vom Nachdenken zum Handeln

Ältere Menschen bewohnen oft mehr Raum, als sie benötigen. Manche wünschen sich durchaus eine kleinere Wohnung – bewegen sich aber trotzdem nicht. Warum das so ist und was man dagegen tun kann, sagt ZHAW-Dozentin Selina Lehner im Gespräch mit home60.
Selina Lehner hat in einer Studie an der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) das Mobilitätsverhalten auf dem Schweizer Wohnungsmarkt untersucht. Eines der Resultate: Nur etwa ein Drittel der befragten «Empty-Nesters» ist offen dafür, den Wohnraum zu verkleinern. Unter Empty-Nesters versteht man die Altersgruppe ab etwa 60, in denen Kinder ausgeflogen sind oder eine/n Lebenspartner/in verloren haben. Da viele dieser Haushalte in ihrem bisherigen Zuhause verbleiben, entsteht häufig eine Unterbelegung des Wohnraums (d.h. das Zuhause hat mehr Zimmer als Personen im Haushalt). Besonders ausgeprägt ist das Beharrungsvermögen bei Eigenheimbesitzer/-innen.
Warum ist das so? «Die meisten Menschen schauen zuerst auf den Preis, denn das ist am leichtesten einzuordnen», sagt Lehner. Und in den meisten Fällen ist der Umzug in eine neue Wohnung eben kein Nullsummenspiel, sondern mit höheren Kosten verbunden. «Was man am Anfang oft übersieht, sind die Vorteile: Der neue Wohnort liegt vielleicht zentraler und ist besser an den öffentlichen Verkehr angebunden. Das Haus ist wahrscheinlich moderner, verursacht geringere Heizkosten, hat einen Lift, Umgebungsarbeiten entfallen. Wenn man solche Faktoren einbezieht, sieht die Gesamtrechnung plötzlich vorteilhafter aus.»
Im höheren Alter nochmals umzuziehen, ist trotzdem kein kurzes Ereignis, sondern ein komplexer Prozess: «Alles fängt mit der Bewusstwerdung an, dass Alternativen zur bisherigen Wohnsituation Vorteile haben können. Es geht darum, über ein neues Lebenskonzept nachzudenken: Was will ich? Und natürlich auch: Was kann ich mir leisten?» Das vielleicht grösste Hemmnis dabei: Ältere Menschen wollen ihre vertraute Umgebung mit Bekannten und Freunden nicht aufgeben. Also braucht es passende Angebote in der Nähe. «Entscheidend ist oft, ob es im Quartier Umzugsalternativen gibt», meint Lehner. Und da hapert es vielerorts noch gewaltig.
«Manche Gemeinden, und auch grosse Immobilienbesitzer wissen gar nicht recht, wo sie Potenzial für diesen Wandel haben. Wohnraum ist ein Überthema. Es reicht nicht, einfach Wohnraum zu bewilligen. Gemeinden müssen eine sozial nachhaltige Strategie entwickeln, möglichst zusammen mit privaten Wohnbauträgern. Und dafür müssen alle mit allen reden. Bau, Finanzen, Soziales, Sicherheit, das alles muss einfliessen».
Lehner betont: «Die Altersbilder sind heute sehr divers. Dafür braucht es vielfältige Angebote, nicht einfache Rezepte wie etwa die Erstellung von Alterswohnungen». Man muss nach Lösungen suchen, die für die Leute vor Ort funktionieren». Wie beispielsweise ein Projekt in Frauenfeld, das ein reines Einfamilienhausquartier durch einen Block mit Kleinwohnungen ergänzen wollte.
Man kann also feststellen: Die strukturellen Rahmenbedingungen im Wohnungsmarkt müssen stimmen, sonst läuft die individuelle Bereitschaft zur Veränderung ins Leere. Für beide Ebenen gibt es Plattformen und Projekte, die zum Handeln animieren und Lösungen aufzeigen. Hier einige Beispiele:
Nestmacher.ch: Der gemeinnützige Verein unterstützt Senioren und Seniorinnen im Raum Basel beim Umzug in neue Wohnungen. Ziel ist würdevolles Wohnen im Alter. Richtet sich auch an armutsbetroffene und sozial isolierte Menschen.
Home60.ch: Die Plattform ist ein Wegweiser für das Wohnen im Alter. Sie informiert gesamtschweizerisch über Wohnmöglichkeiten für ältere Menschen und bietet Gelegenheiten sich zu vernetzen.
Raumpioniere.ch: Macht unter anderem Potenzialanalysen in Bezug auf Generationenwechsel. Richtet sich an veränderungswillige Einfamilienhaus- und grössere Liegenschaftenbesitzer.
Quartierpotenzial.ch: Befasst sich mit der Frage, wie Einfamlienhausquartiere zukunftsfähig umgestaltet werden können. Versteht sich in erster Linie als Ansprechpartner für Gemeinden und Quartiergemeinschaften.
MetamorpHouse.ch: Bietet Beratung zu Umnutzung von Einfamilienhäusern (Hausteilung, Anbau, flexiblere Nutzung) und die Neubelebung ganzer Quartiere.